Weil Kunst uns menschlich macht
Ich kehre immer wieder in diese Höhle zurück.
In diese dunkle, kalte Höhle.
Nicht nur, weil ich Mensch bin, sondern vor allen Dingen, weil ich Künstlerin bin.
Und ich frage mich, wie es sein kann, dass vor zehntausenden von Jahren - eine Zahl, die mein Gehirn und die Fassbarkeit meiner Vorstellungskraft implodieren lässt - ein Mensch dort gesessen hat und einen solchen urge - und ich benutze ganz bewusst diesen Anglizismus - diese Dringlichkeit, diese nicht verhandelbare Dringlichkeit gespürt hat, seine Hand als Negativabdruck zu verewigen oder eine Jagdszene zu verbildlichen.
Wie groß muss das innere Erleben gewesen sein, zeigen zu müssen: ‚Das beschäftigt mich gerade. Das ist das, was mich gerade ausmacht. Ich habe etwas erfahren das in mir so groß geworden ist, dass es eine andere Form benötigt, um es abbildbar zu machen.‘
Und ich stelle mir vor: Dieser Mensch, geplagt von Hunger, Not, Dunkelheit, Kälte, sitzt in dieser Höhle, spuckt in Ockererde, diese wird flüssig. Er bringt es auf die Höhlenwand auf, um den anderen, den Nachfolgenden zu zeigen: Ich war hier! DAS habe ich erlebt!
Er nimmt die Holzkohle, die aus dem verbrannten Feuer entstanden ist, und zieht die Linien nach, um zu zeigen: Ich habe existiert.
Wie groß muss der innere Impact von Erlebtem sein, damit eine Transformation ins Außen vorgenommen werden muss?
Genau diese transformative Übersetzung ist das, was uns menschlich macht: Der dringende Wunsch nach Ausdruck. Dabei ist die Kunstform völlig irrelevant, denn ob es Malerei, bildende Kunst, Erzählung ist, Legende, Märchen, Mythos, ob Gesang, Tanz, Theater: absolut irrelevant! Denn dieser URGE macht uns zum Menschen.
Tiere sind unglaublich intelligent. Tiere sind in der Lage, Emotionen wahrzunehmen und zu kommunizieren (jede, die ein Haustier hat, weiß ganz genau, wovon ich rede), durch Mimik und Gestik, das Träumen, die Kontaktversuche, die Haustiere auf sich nehmen, um sich uns und Artgenossen mitzuteilen. In den letzten Jahrzehnten ist weiter ins Bewusstsein gedrungen, dass auch die Flora eine tiefe kommunikative Ebene verbindet; sei es das Myzel in den Wäldern, sei es die Interdependenz von biologischen Kreisläufen.
Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Das ist mittlerweile überdeutlich geworden. Wir sind Teil eines großen Ganzen. Doch das, was uns zu Menschen macht, das ist dieser Moment in der Höhle. Mittels Metaebene sichtbar werden zu wollen, Gemeinschaft herzustellen, sich symbolhaft mitzuteilen. Vielleicht auch, sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein, was zu dem Antrieb führt, eine Spur hinterlassen zu wollen. Eine Spur, die uns Menschen versichert: Meine Existenz ist nicht umsonst gewesen. Meine Existenz, mein Erleben sind bedeutsam.
Das ist das Einzige, das uns unterscheidet. Ein Vogel erfährt seinen Gesang nicht als musikalisch, er ist funktional. Wir Menschen übermitteln zugleich inhärent emotionale und kulturelle Bedeutung. Es unterscheidet uns von Flora und Fauna, und gleichzeitig - denn ich bin ein großer Fan von Gleichzeitigkeit - sind wir Teil von ihr.
Kunst als Mittel zum Selbstausdruck, das ist der entscheidende Faktor. Nicht die Kunstbetrachtung auf einer rein intellektuellen Ebene, sondern bezogen auf das limbische System, das Stammhirn. Die Botschaften von Mensch zu Mensch:
„Ich war hier.“
„Du bist nicht allein in Deinem Erleben.“
„Vergesst mich nicht.“